Giro Annen - retro.aktiv
23. November 2006 - 28. Januar 2007
Stiller Wegbereiter
„Mein letztes Interview habe ich bereits gegeben“, sagt der eher zurückhaltende Künstler Giro Annen und gibt zu sich oder seinem Werk kaum Erklärungen ab. Das Kunsthaus Langenthal widmet die aktuelle Ausstellung dem stillen Altmeister und Wegbereiter der Jungen Schweizer Kunst, der sich zeitlebens der künstlerischen Autonomie verschrieb.
Ausstellungskonzept
Die Ausstellung „Giro Annen – retro.aktiv“ im Kunsthaus Langenthal ist als Retrospektive mit exemplarischen Werkgruppen angelegt. Im von Giro Annen selbst geschöpften Wort „retro.aktiv“ führt der Künstler sinngemäss die beiden Begriffe Retrospektive und aktualisieren zusammen. Für die Ausstellung bedeutet dies, dass der Künstler Konzepte und technische Verfahren aus seinem gesamten Schaffen aufgreift, teilweise neu umsetzt und zahlreiche Arbeiten neu realisiert.
Arbeitsmethoden
Giro Annens zentrale Interessen liegen auf dem Begriff des Kunstwerks und dessen Herstellung. Es gehört zur typischen Arbeitsweise des Künstlers, parallel verschiedene Arbeitsmethoden zu verfolgen und sie in zeitlichen Abständen wieder aufzugreifen. Da die jeweiligen Methoden ihre Gültigkeit behalten, können Werke zu einem späteren Zeitpunkt wiederhergestellt werden. Es geht hier allerdings weniger um Rekonstruktionen, als um die Weiterentwicklung seiner Konzepte. Aufgrund der reaktivierenden Arbeitsweisen lassen sich die Arbeiten von Giro Annen nicht in Werkphasen einteilen.
Methodische Experimente
Als Beispiel für die von ihm entwickelten Methoden können Objekte genannt werden, bei denen geschnittene, gerissene oder je nach Material gebrochene Flächen in einem bestimmten System zu einer dreidimensionalen Skulptur verbunden werden. Die Werkgruppe „Crack“ von 2004 ist aus Styropor. Platten identischer Grösse, deren Ränder mit Tusche bemalt sind, werden auseinandergebrochen. Diese Teile werden in freier Form zusammengesteckt, jedes ist mit maximal zwei weiteren verkettet. Unberührt bleiben lediglich die schwarzen Kantenstücke, welche sich wie eine konstruktivistische Zeichnung in die Skulptur einfügen. Diesem Prinzip folgend entsteht eine Reihe ähnlicher Skulpturen, die theoretisch endlos fortgesetzt werden kann. Die einzelnen Formen stehen so dicht beieinander, dass ihre Begrenzung kaum mehr wahrnehmbar ist, sie verbinden sich zu einem Ganzen. Die Umsetzung in Styropor betont die Einfachheit wie auch das Zeichenhafte der Konstruktion.
Breites Oeuvre und mediale Vielfalt
Hauptsächlich mit Skulptur, aber auch mit Video, Fotografie, Zeichnung und Druckgrafik lotet der Künstler die Grenzbereiche der Kunst aus und geht der Frage nach, wie weit eine Form oder ein Medium getrieben werden kann, so dass sie noch Form beziehungsweise Kunst bleibt. Meist sind Zerfall und Vergänglichkeit wesentliche Eigenschaften der verwendeten Werkmaterialien. So lehnen die „Spanish Doors“ (1990-2006), zwei hohe schmale Gipsplatten mit keilartigen Kanten, nebeneinander an der Wand. Ihre Ränder sind so dünn, dass auch bei sorgfältigstem Umgang immer wieder Gips abbröselt. Durch diese Unregelmässigkeiten wird die Kante als Übergang zwischen zwei Flächen zum zentralen und poetischen Element der Plastiken.
