15. Februar – 15. April 2007

Il faut cultiver notre jardin

Andres Lutz (*1968) und Anders Guggisberg (*1966) Anne-Julie Raccoursier (*1974) Gerda Steiner (*1967) und Jörg Lenzlinger (*1964) Ron Temperli (*1975) und Dominik Heim (*1974) Matteo Terzaghi (*1970) und Marco Zürcher (*1969)

Bevor wir Tulpenzwiebeln stecken, Beerenstauden schneiden oder Obstbäume pfropfen, muss festgehalten werden, dass «Il faut cultiver notre jardin» keine Gartenausstellung ist. Blumenbilder, Pflanzeninstallationen oder Naturansichten sind im Kunsthaus Langenthal kaum zu entdecken, denn der zu pflegende Garten ist ein metaphorischer. «Il faut cultiver notre jardin», der Ausstellungstitel, ist das Fazit von Voltaires Roman «Candide ou l'Optimisme». Voltaire hat ihn verfasst als Replik auf Leibinz' Theorie, dass wir in der besten aller möglichen Welten leben.

So gilt in der Ausstellung «Il faut cultiver notre jardin» die Aufmerksamkeit nicht dem exotischen Abenteuer in der Fremde, sondern dem Eigenen, der Nähe, dem Alltag. Gehegt und gepflegt blüht der Garten und doch geht der Blick über den heimatlichen Zaun in die weite Welt. Die Ausstellung «il faut cultiver notre jardin» vereint künstlerische Positionen, die sich weder einem konzeptionellen Zugang zur Welt noch einem Materialfetischismus verschrieben haben. Vielmehr zeichnen sich die eingeladenen Künstlerinnen und Künstler dadurch aus, dass sie vom Kleinen ins Grosse blicken. Ausgangspunkt ihrer Recherchen mag das Brockenhaus um die Ecke oder der Wohnort sein, das Resultat ihrer Arbeit verweist aber stets auf etwas Allgemeingültiges. Bewusst sind die verschiedenen künstlerischen Positionen in der Ausstellung jeweils mit mehreren Arbeiten vertreten. Die sich locker wechselnden Positionen lassen beim Gang durch die Ausstellung Bezüge in den künstlerischen Ansätzen erkennen. Mit «Il faut cultiver notre jardin“ soll weniger das Gärtnern oder die neoromantische Verklärung von Natur und Umwelt thematisiert werden, vielmehr verweist die Ausstellung auf eine Geisteshaltung, auf einen bestimmten Zugang zur Welt.

Andres Lutz & Anders Guggisberg haben den Ausstellungstitel von Beginn an pseudorätoromanisch ausgesprochen als: «Il fau cultiver nos tschardin.» Das mag – besonders in den Ohren der romanischen Minderheit – nach einem blöden Witz klingen, tatsächlich umschreibt diese sprachliche Verschiebung aber ziemlich exakt, was Lutz & Guggisberg als Künstler auszeichnet. Die beiden kombinieren Alles mit Allem und generieren daraus neue Welten als Kommentar zu unserer Realität. Im Kunsthaus Langenthal präsentieren sie bearbeitete, verfremdete Zeitungsbilder aus ihrer Serie «Die Queen im Louvre» (2003-2007) sowie das Holzobjekt «Il tronco infinito» (2005-2006), das aus im Brockenhaus gefundenem Schnitzwerk zusammengefügt ist.

Anne-Julie Raccoursier dokumentiert in ihren Arbeiten unseren Alltag, respektive unsere direkte Umwelt. Durch Perspektive und Schnitt findet sie in ihren Videos zu einer eigenwilligen Sprache, die über das Dokumentarische hinausweist und in vermeintlich vertrauten Settings eine Exotik aufzeigt. Das wirklich Fremde liegt nicht in der Ferne, sondern gerade in unserem Eigenen verborgen. Ihr Video „Noodling“ (2007) zeigt Männer während eines Airguitar-Contests. Ohne Tonspur und in Zeitlupe erst ist die Komik und Absurdität in der Handlung der Akteure zu erkennen. Mit einer anderen Arbeit (2007) rekonstruiert die Künstlerin ein Objekt, wie sie es an einer Fachmesse entdeckte. Das verhüllte Flugzeugmodell entwickelt ausserhalb dieses spezifischen Kontexts zahlreiche assoziative Bezüge zu unserem globalisierten Alltag.

Fast so staunend wie Candide ziehen Gerda Steiner & Jörg Lenzlinger für ihre Kunst durch die Welt. Auf ihren langen Reisen entdecken sie noch in jedem Winkel Gärten, deren Fauna und Flora anschliessend im Universum ihrer Kunst heimisch werden. Auf einem langen Holztisch liegt „Sammensammlung aus Mali“ (2003) aus, die das Paar während eines mehrmonatigen Aufenthalts gesammelt hat. Eingewickelt in Papierchen erscheinen diese kleinen Kostbarkeiten als Potential für die Flora eines Paradieses. Das zweite Objekt ist ein blühender, wuchernder „Tischgarten“ (2007) , den Steiner & Lenzlinger fürs Kunsthaus Langenthal züchten. Ein Sinnbild dafür, dass viele schöne und wichtige Gedanken quasi als Samen am Küchentisch zu spriesen beginnen.

Ron Temperli und Dominik Heim kommen für die Ausstellung „Il faut cultiver notre jardin“ zu Fuss nach Langenthal. Auf ihrer Winterreise von Winterthur her tragen sie Fundstücke zusammen, mit denen sie im Kunsthaus ihre Wanderung als Linie nachzeichnen, „WEG“ (2007). Während Voltaires Romanfigur einmal um die Welt reist, um zu Erkenntnis zu gelangen, genügt für Temperli / Heim die Strecke Winterthur-Langenthal. Eine Bildungsreise bleibt ihr Weg dennoch und die Aufmerksamkeit für Nebensächliches, Abfall und Spuren des Eigenen wird um so grösser, als es quer durchs Schweizer Mittelland an exotischen Abenteuern eher mangelt. Mit „Stadt“ (2004) präsentieren Temperli / Heim ein Stück Heimat. Aus der Erinnerung haben sie Winterthur mit Kartonschachteln nachgebaut, die verschiedenen Verpackungsmaterialien sind uns vertraut. Doch es gelingt den Künstlern, aus dem Spezifischen (Winterthur, Kambly-Schachteln, Tetrapack etc.) etwas Allgemeingültiges zu schaffen.

Matteo Terzaghi und Marco Zürcher bearbeiten mit simplen Eingriffen Bilder aus Zeitschriften, Gebrauchsanweisungen, Fotoalben. Kombiniert mit Text oder animiert zu Videos ergeben sich überraschende und liebevolle Geschichten, die von unserem alltäglichen Leben berichten. Fürs Kunsthaus Langenthal realisieren Terzaghi / Zürcher die Installation „Eine Kraft, die uns bewegt“ (2007), in der die Künstler aufs Archiv ihrer eigenen Vergangenheit zugreifen: Sie schneiden einen Film neu, den sie als Zwanzigjährige fürs Schweizer Fernsehen drehten. In „Erste Hilfe in Zeiten des Friedens und des Krieges“ (2005) sind verschiedene Illustrationen aus dem medizinischen Bereich zu einem vergnüglichen Film animiert. Doch bevor über diese historischen Bilder zu sehr geschmunzelt wird, berühren in „Eine Bootsfahrt“ (2007) altmodische Bilder kombiniert mit simplen Textfragmenten. Die Künstler untersuchen in ihrer Arbeit das Verhältnis von Text und Bild und rühren dabei stets an das Gefühl der Betrachterinnen und Betrachter. Das gelingt ihnen mit grosser Leichtigkeit, weil diese Art Bilder aus eigenen Familienalben oder aussortierten Büchern vertraut sind.

All diesen künstlerischen Positionen ist gemeinsam, dass sie nicht primär in die Fremde schweifen, sondern im Eigenen genügend Material für Kunst finden. Dabei entstehen Kunstwerke, die über das Vertraute hinausweisen und eine universelle Gültigkeit entwickeln. Es sind keine Bastelschlachten mit billigen oder wiederverwerteten Materialien, aber die Kunstwerke zeichnen sich auch nicht durch einen konzeptionellen, intellektuellen Überbau aus. Vielmehr gelingt es den hier versammelten Künstlerinnen und Künstlern, sich um das Ganze zu kümmern, sinnliche, emotionale wie auch analytische, reflexive Elemente in jedem Kunstwerk zu vereinen. Die in „Il faut cultiver notre jardin“ präsentierten Werke stehen für eine Weltanschauung, die vom Machen ins Denken führt und umgekehrt. Wenn es uns gelingt, unseren spezifischen Garten auf diese Weise zu kultivieren, wird er blühen und reich Früchte tragen. In diesem Sinne will „Il faut cultiver notre jardin“ auch das Gartentürchen nach Langenthal aufstossen: Der Garten am Bosporus kann überall blühen, auch in Langenthal.

 

Mittwoch, 15. Februar, 19 Uhr

Vernissage:

Il faut cultiver notre jardin

Begrüssung und Einführung durch Fanni Fetzter, Leiterin Kunsthaus Langenthal. Anschliessend Apéro.